Samson

Samson singt von Liebe

Dabei weiß er gar nicht mehr so recht, was das ist. Das mit der Liebe.


Samson ist das, was man eher einen unscheinbaren Durchschnittstypen nennen könnte. Zumindest sagt er das von sich selbst. Gut, ein Adonis vor dem Herrn oder besser, vor dem Spiegel sieht schon ein wenig anders aus. Da hat Samson nicht ganz unrecht. Mit seinen knapp 45 Jahren, einer Größe von ungefähr 1,78, dem bereits schütteren Haar und dem ein oder anderen Wohlstandsröllchen um seine Hüften macht er wirklich nicht das her, was sich in einem Werbespot für Rasierwasser präsentieren und jenes gewinnbringend verkaufen ließe. Wirklich nicht. Aber für ihn kommt das so wie es ist ganz gut aus, gerade wenn er dabei an seinen besten Freund Kaspar denkt, dem die Frauen in Scharen hinterherlaufen und der schon mal mit seinen zahlreichen Verabredungen durcheinander gerät und dann natürlich immer argen Stress bekommt. Mit den Frauen. Nein, das wäre Samson wahrlich zu anstrengend. Da ist er lieber unscheinbar und kann tun und lassen, was er möchte.

Klar, manchmal, wenn Samson nicht einschlafen kann und ihm die Nächte zuweilen unendlich lange vorkommen, spürt er schon eine gewisse Einsamkeit und die Sehnsucht nach Nähe und dem Gefühl von Liebe in sich aufkommen. Dann kann es passieren, dass Samson erst recht nicht einschlafen kann und stundenlang an die Decke starrt und sich ausmalt, wie es wohl so sein könnte, wenn Lizzy nicht eines Tages einfach fort gewesen wäre. Damals, als er noch sehr jung und sein Haar dicht und voll war. Wenn sie beide geheiratet und vielleicht sogar Kinder bekommen hätten. Wenn sie heute in einem kleinen Häuschen mit Garten am Stadtrand leben würden und er sie wie früher mit den köstlichsten Rezeptideen bekochen und verwöhnen könnte. So, wie Lizzy es immer gerne mochte. Naja, Samson denkt eigentlich nur noch ganz selten an sie und ihre gemeinsame Zeit. Es hat halt nicht sollen sein, die Sache mit Lizzy und der Liebe. Und Nächte wie diese, in denen er mit seinen schlaflosen Gedanken die „was wäre wenn’s“ an die nachtdunkle Decke seines Schlafzimmers malt, gab’s ja Gott sei Dank nicht so oft. Das wäre auch nicht gut, so früh wie er in der Woche immer aufstehen muss und schließlich kann Samson sich in seinem Job als Busfahrer der öffentlichen Verkehrsbetriebe keine müde Unachtsamkeit leisten. Nicht auszudenken, wenn er den Fahrplan nicht pünktlich einhalten würde, weil er unausgeschlafen trödelte. Dafür ist Samson viel zu pflichtbewusst und korrekt, Ordnung ist schließlich das halbe Leben und unzufriedene, meckernde Fahrgäste sind ihm ein Gräuel, so friedliebend, wie er nun mal ist.

Doch, doch, Samson ist mit sich und seinem Leben eigentlich ganz zufrieden. Er liebt es, nach seinem Job auf dem Nachhauseweg durch den Stadtpark zu spazieren und dabei den Tag in seinen Gedanken vorbeiflanieren zu lassen, die Menschen und ihre Gesichter, die er mit seinem Bus an ihre Zielorte gebracht hat. Samson findet beinah nichts interessanter, als ihre Mimik, ihre Gestik durch den Rückspiegel zu beobachten und sich dazu kleine Geschichten auszudenken. Wie sie wohl leben mögen, alleine oder zu Zweit. Ob sie Teil einer Familie sind, und glücklich. Was sie gerne lesen oder welche Hobbies sie haben könnten, ob sie Freunde haben oder im Grunde lieber für sich sind. So wie er selbst vorzugsweise für sich ist, von Kaspar mal ganz abgesehen. Aber den trifft er ja eher selten, so beschäftigt wie Kaspar immerzu ist. Eben die ganz alltäglichen Dinge, die das Leben so bietet und schreibt. Natürlich macht er das nie während der Fahrt, denn es käme Samson niemals in den Sinn auch nur für eine Sekunde den Verkehr außer acht zu lassen, das wäre recht verantwortungslos seinen Fahrgästen und seinem Pflichtbewusstsein gegenüber. Nein, die kurzen Momente des Stillstandes an den Haltestellen seiner täglichen und immer gleich bleibenden Route gewährten Samson Zeit genug für seine Beobachtungen. Und dann, wenn er Abends gemütlich durch den Park nach Hause spaziert, kreiert er in seinen Gedanken die Geschichten zu den Gesichtern, die ihm besonders in Erinnerung geblieben sind. Manchmal so tief darin versunken, dass Samson sich erstaunt und aus seiner Gedankenwelt gerissen vor seiner Haustür wieder findet. Dann muss Samson über sich selbst lächeln, er, der kauzige Gewohnheitsmensch, der wohl auch mit verbundenen Augen immer wieder nach hause finden würde.

Dass Samson etwas Kauziges an sich hat, lässt ihn sowieso das ein ums andere Mal über sich selbst grinsen. Besonders, wenn er sich dabei ertappt, dass er, egal was er gerade tut, in der Zeit seiner Jahre schon so einige seltsame Eigenarten entwickelt hat, die für andere, wenn sie ihn dabei sehen könnten, etwas schräg daher kommen mögen. Sei es die immer gleiche Art und Weise, wie er morgens seine Stullen mit Butter bestreicht, mit Käse und Salami und jeweils ein paar dünn geschnittenen Gewürzgurkenscheiben belegt, sorgsam in Butterbrotpapier wickelt und anschließend in die dafür vorgesehene Dose gibt. Wie er sich abends vor dem Zubettgehen seine Berufskleidung für den nächsten Tag akkurat zurechtlegt und vorher mit der Kleiderbürste selbst noch so kleinste eventuell vorhandene Fuseln und Staubkörnchen entfernt und sie dann mit einer eigens dafür zugelegten Folie bedeckt. Egal, wie er spült, bügelt, seine Wäsche wäscht und aufhängt, wie er penibel darauf achtet, dass seine Wohnungsschlüssel immer am gleichen Platz liegen oder jedes Bild an den Wänden hundertprozentig gerade hängen muss – egal, ob seine Morgenzeitung nicht zerknickt sein – und damit für ihn unlesbar wäre, oder nicht auch nur ein einziges Haar aus seiner Nase, seinen Ohren lugen darf – Samson ist sich dieser Ansammlung seiner Eigenarten wohl bewusst, aber auch dies alles ist dann eben so, wie es ist. Das ist er, wie er nun mal leibt und lebt. Ordnungsliebend und korrekt. Kaspar findet, dass Samson ein Pedant ist wie er im Buche steht. Aber das stört ihn nicht und dafür ist Kaspar ein Chaot und manchmal wundert er sich schon darüber, wie solch ungleiche Menschen wie er und sein Freund sich dennoch so gut verstehen können. Aber vielleicht ist das ja auch eine der Eigenarten, die Samson ausmachen. Ihn und sein Leben. Wer weiß das schon so genau.

Samson macht sich darüber keine weiteren Gedanken und alles muss man im Leben ja auch nicht genau ergründen und wissen. Genauso wenig, wie er sich darüber Gedanken macht, ob seine große und inbrünstig von ihm geliebte Leidenschaft auch so eine von seinen Eigenarten ist, und die er jedes erste Wochenende eines neuen Monats Samstagabends auslebt und genießt um danach in der Nacht zufrieden und selig in sein Bett zu fallen. Samson liebt, neben dem Sammeln von Gesichtern und ihren Geschichten, das Singen. Geradezu aufgeregt ist er jedes Mal an diesen bestimmten Samstagen bevor der Abend kommt und er sich auf den Weg in die kleine Karaoke-Bar macht, die er vor einigen Jahren zufällig entdeckte, als er sich ausnahmsweise in der Altstadt mal wieder ein Steak und ein paar Bier gönnte und danach dort fasziniert für ein paar Stunden hängen blieb und den anderen Leuten dabei zuhörte, wie sie die Lieder zum Besten gaben. In der ersten Zeit kam Samson, schüchtern wie er nun mal ist, nur zum Zuhören – aber gar nicht viel später und mit 2 bis 3 Bieren intus, traute er sich selbst auf die kleine Bühne und sang, was seine Stimme hergab. Und die ist fürwahr nicht von schlechten Eltern. Kaspar wäre sicher sehr überrascht, wenn er wüsste, dass Samson singt und dies auch noch vor Publikum in einer Karaoke-Bar, jeden ersten Samstag eines Monats. Aber davon weiß Kaspar nichts denn Samson findet, dass ein jeder, bei aller Freundschaft, auch seine kleinen Geheimnisse haben sollte – und das ist nun mal sein kleines Geheimnis. Und das will er nur mit den Liedern, die er singt und dem ihm fremden Publikum teilen, das ihm an diesen Abenden so vertraut erscheint, und das ihm jedes Mal begeistert applaudiert, wenn er seine Lieblingslieder, wenn er von Liebe singt. Sei es „Love Me Tender“ oder „Can’t Help Falling In Love“ von Elvis, „Only You“ von The Platters, Percy Sledges “When A Man Loves A Woman” oder sonst einer der Klassiker vergangener Zeiten, wenn Samson eines dieser Lieder anstimmt, erfüllt sich sein Herz mit einer Wärme, erlebt jede Faser seines Seins etwas von dem, was er in den seltenen und schlaflosen Nächten vermisst, wenn er seine Gedanken an die Decke malt und an Lizzy denkt. Dann ist Samson einfach nur Samson und glücklich und überhaupt nicht mehr einsam. Und davon zehrt er die restlichen Samstage und die Wochen dazwischen, bis der nächste erste Samstag eines jeden Monats kommt. Bis er wieder auf der kleinen Bühne stehen, und von Liebe singen kann. Auch wenn er gar nicht mehr so recht weiß, wie das so wirklich mit der Liebe ist. Aber vielleicht bleibt das ja nicht immer so. Für Samson.

Wer weiß auch das schon so genau.

 

3 Meinungen zu “Samson singt von Liebe

  1. Ich mag Samson, er jammert nicht rum sondern nimmt sein Leben an, wie es ist. Dass er sich dabei seine kleinen glücklichen Momente schafft, macht ihn mir besonders sympathisch. Ich finde, er hat ein wunderbares Liederrepertoire, ich glaube, ich sollte mal in die kleine Karaokebar gehen und ihm zuhören Smile

Deine Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


bitte eingeben

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Noch'n Smiley dazu?

SmileBig SmileGrinLaughFrownBig FrownCryNeutralWinkKissRazzChicCoolAngryReally AngryConfusedQuestionThinkingPainShockYesNoLOLSillyBeautyLashesCuteShyBlushKissedIn LoveDroolGiggleSnickerHeh!SmirkWiltWeepIDKStruggleSide FrownDazedHypnotizedSweatEek!Roll EyesSarcasmDisdainSmugMoney MouthFoot in MouthShut MouthQuietShameBeat UpMeanEvil GrinGrit TeethShoutPissed OffReally PissedMad RazzDrunken RazzSickYawnSleepyDanceClapJumpHandshakeHigh FiveHug LeftHug RightKiss BlowKissingByeGo AwayCall MeOn the PhoneSecretMeetingWavingStopTime OutTalk to the HandLoserLyingDOH!Fingers CrossedWaitingSuspenseTremblePrayWorshipStarvingEatVictoryCurseAlienAngelClownCowboyCyclopsDevilDoctorFemale FighterMale FighterMohawkMusicNerdPartyPirateSkywalkerSnowmanSoldierVampireZombie KillerGhostSkeletonBunnyCatCat 2ChickChickenChicken 2CowCow 2DogDog 2DuckGoatHippoKoalaLionMonkeyMonkey 2MousePandaPigPig 2SheepSheep 2ReindeerSnailTigerTurtleBeerDrinkLiquorCoffeeCakePizzaWatermelonBowlPlateCanFemaleMaleHeartBroken HeartRoseDead RosePeaceYin YangUS FlagMoonStarSunCloudyRainThunderUmbrellaRainbowMusic NoteAirplaneCarIslandAnnouncebrbMailCellPhoneCameraFilmTVClockLampSearchCoinsComputerConsolePresentSoccerCloverPumpkinBombHammerKnifeHandcuffsPillPoopCigarette