Wer weiß schon, was morgen ist, was sein wird oder auch nicht.
Seltsam hat sich das angefühlt. Als ich das dachte. „Ein bisschen glücklich“. Irritiert war ich. In dem Moment, für ein paar Sekunden. Irritiert, weil ich das nicht nur dachte, sondern auch fühlte. Wie es sich anfühlte, da in meiner Brust. Ich bin tatsächlich rot geworden. Bei diesem Gefühl des ein bisschen Glücklich seins. Rot geworden deshalb, weil ich es nicht nur gedacht, sondern auch gespürt habe. Nur ganz leise und zart, fast schüchtern und misstrauisch zugleich. Ich und glücklich?
Wann hatte ich das zuletzt gedacht, empfunden? Hatte ich überhaupt jemals eine Empfindung von Glück? Ist es nicht eher schon seit langer Zeit so gewesen, dass ich mir derlei Gefühle erst gar nicht erlaubte? Weil ich immer dachte, dass es nicht sein kann, dass es nicht darf? Dass mir das nicht zusteht, glücklich zu sein? Doch, ich war sehr oft glücklich, in meinem Leben. Unbewusst und ganz tief irgendwo da in mir. Fast unbemerkt und oft nur für einen kleinen Moment. Bis mein Misstrauen wieder jeglichen Anflug von Gefühl in Schach gehalten, wieder die Kontrolle übernommen hatte. Misstrauen ist kein schönes Wort – und seine Bedeutung erst recht nicht. Besonders dann, wenn es ungesund ist und alles beherrscht, was ein Leben, einen Menschen ausmacht. Aus Angst vor Verletzungen. Getrieben von Unglaube, dass es noch etwas anderes gibt, als in seinen sensibelsten, zerbrechlichsten Gefühlen verletzt und gedemütigt zu werden.
Dass man es wert ist, geliebt und gesehen zu werden. Dass ich geliebt und gesehen werde. So, wie ich bin und nicht anders sein kann, nicht anders sein will. Nicht mehr. Wie schwer es ist und sein kann, zu wissen, dass man wer ist und es nicht fühlen kann, zu wissen, geliebt zu werden und es nicht glauben mag, es nicht empfinden kann. Dieses Gesehen und Geliebt werden. Aus ewiger Angst, dass es wieder weh tun könnte, obwohl der Verstand weiß, dass man vor Verletzungen niemals geschützt sein kann, dass es zum Leben dazugehört. Dieses Verletzt werden. Und das Wehtun, manchmal und wieder. Weil die Wunden alter Verletzungen einfach nicht heilen wollen, nicht können. So tief, wie sie dort gefangen sind. In dem, was Menschen Seele nennen. Die den Herzschlag mitbestimmen und zu fortwährender Vorsicht mahnen. Immer aufzupassen und sich davor zu verschließen, davor, dass es jederzeit wieder passieren könnte, dass es wieder weh tut. Durch was und wen auch immer.
Gerade in den letzten Wochen habe ich eine Veränderung in mir gespürt. Noch zaghaft und kaum zu erfassen. Und doch ist da etwas, da ganz tief in mir. Irgendetwas, das nicht länger eingemauert, das nicht länger in diesem von mir aufgebauten Turm aus schützenden Mauern behütet werden möchte, vielleicht nicht mehr beschützt werden muss. Es irritiert mich, dieses Etwas da in mir. Was zu mir gehört und was ich so lange eingeschlossen, so lange versteckt habe. So viele Jahre und vielleicht schon so lange, wie ich denken kann. Dieses da in mir, was andere Gefühle nennen. Nein, gefühlskalt war ich noch nie. Nur vorsichtig und sparsam mit meinen Empfindungen, anderen, und vor allem mir selbst gegenüber. So sehr ich in vergangenen Zeiten gelernt habe, vorsichtig zu sein, so sehr habe ich auch verlernt, fast vergessen, dass Gefühle ihre Freiheit brauchen, dass man sie beschützen aber nicht für immer einsperren muss.
Ich merke, wie sie bröckelt, wie sie Risse bekommt, diese Mauer und es macht mir keine Angst. Unsicher, ja, irritiert, ja, aber nicht ängstlich. Ich glaube, zum ersten Mal habe ich keine Angst, zum ersten Mal spüre ich keine Gegenwehr, zum ersten Mal habe ich den Mut es zuzulassen, es auszuprobieren und wieder neu kennenzulernen und zu erleben, wie das ist. Zu fühlen und wieder der zu sein, der ich vor so langer Zeit mal war und bevor ich begonnen hatte, diesen Turm zu bauen. Dieser Turm des Beschützt Werdens und der so lange und so sehr seine Berechtigung und mich im Leben gehalten hatte. Wer weiß schon, was morgen ist, was sein wird oder auch nicht. Jetzt zählt, hier heute und jetzt. Und dieses zarte und doch so starke, so unglaubliche Gefühl. In das ich mich fallen lasse und es genieße. Es genießen kann. Nach so langer Zeit. Endlich und vielleicht nicht nur heute und jetzt. Vielleicht sogar morgen, oder übermorgen. Oder für immer. Endlich. Dieses Gefühl von ein bisschen Glücklich sein.
Ein bisschen, und viel mehr als das.
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Schöner Text! Glück definiert sich für jeden Menschen anders und es sind oft die kleinsten Dinge, die einem das Gefühl von Glück herbeizaubern und das sollte man genießen.
Ich kann mich nur allen Vorkommentatoren anschliessen und freue mich
mit dir, dass du deinen “Turm” ins Wanken und Kippen gebracht hast.
Aber mache es nicht wie mit Bauklötzen…..sofort wieder einen neuen
aufzubauen!
Ich wünsche dir noch ganz viele glückliche Momente im Leben.
Jeder Mensch hat das Recht, glücklich zu sein.
Schön, dass du für dich erkannt hast, dass man die Mauer auch Stück für Stück einreißen kann. Es ist aber ein schwerer Weg.
Besser könnt ich es auch nicht formulieren, als das, was meine “Vorredner” hier hinterlassen haben
Du beschreibst sehr klar und eindrücklich, wie ein Prozess des Zulassens, Infragestellens, der Verunsicherung sich immer mehr ausweitet zu einem wunderbaren Gefühl, was auch als Glück erlebt werden kann, sich selbst zu spüren in der Begegnung mit anderen, in aller Zartheit, Gespaltenheit…das innere Erleben in ständiger Bewegung und Lebendigkeit…freue mich mit dir…
Ich freue mich, dass diese Mauer Risse bekommt:-)!!!
Ist ja schon schlimm allein , wenn sie Menschen trennt. Aber wenn sie die eigende Itentität isoliert , ist es wirklich schrecklich!
Niemand ist “immer” glücklich. Es sind die kleinen Glücksmomente, die so vielfältig sind in einem Leben, wenn, ja wenn man sie wahrnehmen kann und die Fähigkeit zum Wahrnehmen hat. Ich wünsche sie dir, diese Fähigkeit, das Glück zu sehen, und..dich seiner würdig zu fühlen, du bist es.
Ja, das ist toll. Glücklich sein findet hauptsächlich in einem selbst statt. Du bist so glücklich, wie du innerlich beschlossen hast glücklich zu sein. Ach, das finde ich aber wunderbar toll.
Stimmt, was Liesl sagt. Wenn du deinen Panzer durchbrichst, dann kann dein wahres ich hervorkommen. Das ist ein ganz toller Prozess, auch wenn er Angst macht, weil irgendjemand kann diese Gefühle ja wieder (zer)stören. Aber wenn du dir klar bist, dass es so richtig ist, dann kann dich auch keiner mehr davon abbringen.
Beide Daumen hoch, Moppe!
Menschen sind so oft auf der Suche nach Glück oder fragen, was Glück überhaupt ist. In deinem wieder sehr stimmungsvollen und nachdenkenswerten Text kann man eine Antwort darauf finden und etwas davon bei sich selbst wiederfinden. Wenn man will und innehält. Gern gelesen!
Glücklich sein, ganz bewusst, gehört zum Leben dazu und jeder sollte das spüren dürfen. Immer wieder
Ein berührender Text, danke.
Wenn wir uns erlauben, dünnhäutig zu werden, kommen wir uns auch selber nahe. Und das ist erstaunlich und gelegentlich überwältigend… Und manchmal beängstigend.
Aber auch schön.