Angst

Begleiterin meiner Tage

Atemschwer, manchmal noch.

Sie kommt einfach. Immer noch und von irgendwo her. Plötzlich und unerwartet und dennoch wie eine alte Bekannte. Eine Bekannte die man gar nicht kennen will. Die ich nicht kennen will und es dennoch tue. Zu lange war sie Begleiterin meiner Tage. Meiner Wochen, Monate und auch Jahre. Viel zu lange. Ich hab es gehasst, wie sie eines Tages Besitz von mir genommen hat. Mehr und mehr und mit einer übermächtigen Gewalt, gegen die ich mich ebenso mehr und mehr nicht mehr zu wehren wusste. Der ich mich ergeben habe, wimmernd und kläglich am Boden liegend, auf allen Vieren kriechend. Am ganzen Körper zitternd, unkontrolliert zuckend. Heulend und um Atem ringend. Jeden Tag und jeden Tag ein bisschen mehr. Bis ich irgendwann nicht mehr konnte, keine Kraft mehr hatte und voll gestopft mit Medikamenten wie ein lebloser Zombie dahinvegetierte.

Nichts mehr sagte, nichts mehr spürte. Nichts mehr gehört und gesehen habe und am allerwenigsten mich selbst.

So lange und davon viel zu viel.

Ich hatte sie vorher nie gekannt. Nicht so. Wusste nicht, wie stark und gewaltig sie sein kann. Wusste nicht, dass sie ein Leben, einen Menschen so sehr verändern kann. Dass sie mich so in Besitz nehmen könnte. Dass sie über alles bestimmen würde, was mich ausmacht. Dass sie mir den Lebensmut nehmen, ihn aus mir herausreißen würde. Eines Tages. Nachdem sie mich so lange in ihren Klauen hatte, mich jeden Tag bis ins Mark quälte, und ich die brennenden Schmerzen in meiner Brust nicht mehr aushalten konnte. Und mich mit allem betäubte, was mich wenigstens für eine Weile zur Ruhe kommen ließ, mich atmen ließ. Ohne Hetze und ohne, dass mir der Speichel aus dem Mund lief.

Trügerische Ruhe.

Denn sie lauerte nur darauf mich wieder einzufangen, dann, wenn die Ernüchterung kam. Bis ich nicht mehr nüchtern sein konnte, nicht mehr wollte. Sie hat ein psychisches und physisches Wrack aus mir gemacht. Ich habe ein Wrack aus mir gemacht. Weil ich zugelassen habe, dass sie mit mir machen konnte was sie wollte.

Angst.

Wie oft kauerte ich in irgendeiner Ecke und wartete auf sie. So oft, dass ich nicht mal mehr die Angst vor der Angst unterscheiden konnte. So oft, dass ich nicht mal mehr imstande war, mich zu bewegen. Starr vor Angst aß ich kaum noch etwas, kümmerte mich nicht mehr um mich, um meinen Körper, verkam zunehmend. Ungepflegt und stinkend. Mir war alles egal. Hatte kein Gespür für gar nichts mehr, nicht für irgendwen, für irgendwas. Nicht für mich. Ich hatte mich völlig aufgegeben, mich den immer gewaltiger wütenden Angst- und Panikattacken ergeben. Hab sie machen lassen und gehofft, dass es bald ein Ende hat. Dass ich endlich sterben kann und endlich meinen Frieden habe. Vor ihr. Dieser verdammten Angst.

Die mich plötzlich gepackt hatte, und mich so lange nicht mehr losließ.

Doch ich wäre verdammt noch mal nicht ich gewesen, wenn ich wirklich aufgegeben, mich aufgegeben hätte. Wenn ich weiter zugelassen hätte, dass sie mich so lange schüttelt bis mein Herz tatsächlich stehen geblieben wäre. Vor lauter Angst. Vor ihr. Es hat gedauert und es hat ebenso geschmerzt, durch sie hindurchzugehen, ohne Medikamente, ohne irgendetwas, was mich sie für so viele Momente zuvor vergessen ließ. Nichts mehr fühlen ließ – und was sie jedes Mal anspornte, mir noch wuchtiger, noch gewalttätiger eins in die Fresse zu hauen. Damals und so viele Jahre her.

Ich habe es geschafft aus dieser Spirale raus zukommen, aus diesem Zustand des Nichtsmehrsein. Habe gegen sie angekämpft und den Kampf gewonnen, und Narben davon getragen. Narben, die mich immer daran erinnern werden, dass es sie gab und immer noch gibt.

Manchmal noch.

Dann kommt sie wie damals. Erwischt mich und lässt meine Brust wieder brennen, nimmt mir wieder den Atem und lässt mich erstarren. Aber es ist anders als damals. Heute weiß ich wer sie ist, und was sie mir antun kann. Heute weiß ich, dass dieser Angstmoment wieder vergeht, dass ich sie zulassen muss, wenn sie kommt. Mich ablenke und mich nicht wieder darauf einlassen muss, von ihr übernommen zu werden. Nie wieder will ich kauernd und bepinkelt in irgendeiner Ecke sitzen, nie wieder will ich hyperventilierend irgendwo auf der Straße liegen. Hilflos und unbeachtet. Nie wieder. Und das werde ich auch nie wieder. Dennoch, sie ist immer noch da und wird wohl auch für immer Begleiterin meiner Tage sein. Aber heute bestimme ich, wie weit sie gehen darf, wenn sie schon nicht von mir lassen will. Und je mehr ich bestimme, umso kraftloser, umso machtloser wird sie. Vielleicht sogar so nichtig, dass ich sie vergessen werde, vergessen habe.

Vielleicht und irgendwann.

 

6 Meinungen zu “Begleiterin meiner Tage

  1. gut beschrieben, auch den Weg zu einer Unterscheidung der Angst von der Angst vor der Angst sowie der Angst, die rückwärtsgerichtet ist von der, die aktuell Anlass bietet, Realangst zu haben…

  2. Angst ist ein Teil in jedem von uns. Schließlich hat sie oft genug Schutzfunktion. Das Allerwichtigste aus deinem Text, damit sie sich nicht zur Herrscherin aufspielt: …Aber heute bestimme ICH, wie weit sie gehen darf, wenn sie schon nicht von mir lassen will. Und je mehr ich bestimme, umso kraftloser, umso machtloser wird sie.

  3. gut beschrieben wie das ist mit solcher angst zu leben. ich kenne das auch und habe es wie du überwunden und du hast recht: die angst bleibt bzw. kommt wieder, aber wenn man lernt damit umzugehen ist es um einiges leichter und irgendwann ist sie weg. ich wünsche dir weiterhin viel kraft!

  4. Angst ist wirklich etwas schlimmes, weil “man” ihr scheinbar so hilflos ausgeliefert ist. Und irgendwann ist die Angst vor der Angst schlimmer, weil sie sich nichts mehr unterscheiden lassen.

    Die Angst gaukelt Dir nur irgendein Gefühl vor. Es lohnt sich dahinter zu schauen, denn dahinter liegt oft etwas, dass es zu betrachten gilt und wenn das gelöst ist, dann kommt die Angst auch nicht wieder. Die Angst Kontrolle zu verlieren, zu sterben oder nicht gelebt zu habe z. B.

    Sie nicht übermächtig werde zu lassen, einfach mal loslassen und gucken, was passiert – aber das ist angstvoll anstrengend.

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