Windworte von Jeremias Mellenkamp


WindworteFür einen Moment. Für einen Augenblick.



manchmal
nur für einen Moment
für einen Augenblick
dann
wenn sie so schwer sind
so unerträglich
meine Gedanken
meine Erinnerungen

an Dinge
an Erlebtem
an die ich
an das ich nicht denken
nicht erinnert werden mag

und es trotzdem geschieht
zuweilen

es wiederkommt
dieses Denken
dieses Erinnern
so ungewollt
so unverschuldet
und doch so schuldig
anfühlend

dann
wenn nichts zu helfen scheint
wenn nichts zu erleichtern
nichts fortwischend genug zu sein scheint
dann nehme ich mich
meine Gedanken
und Erinnerungen

nehme meinen Schmerz
und meine Wortlosigkeit
in solchen Momenten
der Unerträglichkeit
meines Gedanken- und Gefühlwirrwarrs
nehme mich selbst an die Hand
nehme mich
und zerre mich hinaus

in die Weiten
der natürlichen Unendlichkeit
gebe mich hin
der Geborgenheit
der Leichtigkeit
ihres Seins
und meiner
manchmal verlorenen
und wiedergefundenen
dann
lasse mich fallen
ohne zu fallen
atme tief durch
und horche in mich hinein

lausche den Melodien
des Windes
der auf die passenden Worte wartet
um im Einklang weiterzuziehen
im Takt der vereinigten Leichtigkeit
nehme sie
meine Gedanken und Erinnerungen
formuliere sie
auf dass sie im Gleichklang hinfort wehen
aus meinem Kopf
aus meinem Fühlen
mit seinen Melodien

für diesen Moment
für diesen Augenblick

bis ich mich wieder an die Hand nehmen muss

Bildquelle: © Jeremias Mellenkamp

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4 Kommentare

  1. manu1608

    eine wunderbare Gabe sich selbst an die Hand nehmen zu können…
    Worte, die mich sicher noch eine ganze Weile begleiten werden…!

  2. Max Pesie

    Also, so möchte ich auch mal über die Wortlosigkeit und das Fallen ohne zu fallen schreiben können. Fürchte nur, dass mein Esoterikgefühl dafür kaum ausreichte.

  3. Gummibroetchen

    Max, wenn Du über sowas nicht schreiben kannst, aber das Gefühl kennst Du doch? Ich ja. Aber schreiben kann ich darüber auch nicht. Sei froh, dass Du überhaupt auch ernsthafte Lyrik schreiben kannst; bei meinen Versuchen dazu gibt’s meist unfreiwillige Komik.

  4. Max Pesie

    @ Gummibroetchen:

    Ach, Du meinst wohl das hassenswerte Gefühl der Zerrissenheit. Na, daraus könnte ich bestenfalls eine Satire machen. Hauptsache aber, dass man textlich irgendwie zu Potte kommt und nich so elend rumeiert.

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