Jakobs Song von Herr Beil


Jakobs Song…und die Suche nach dem, was andere Träume nennen.

Jakob weiß noch, wie er schon als kleiner Steppke mit Begeisterung die Songs von Elvis, den Stones, den Beatles, den Doors oder Janis mitsang und sicher war, dass er auch mal ein großer Musiker werden wollte. Erinnert sich, wie er nicht verstehen, nicht nachempfinden konnte, weshalb seine Mutter weinte, als 1970 die Nachricht vom Tode Janis Joplins, 1971 Jim Morrisons und sechs Jahre später der von Elvis Presley durch die Nachrichten ging. Jakob wusste in seiner naiven Kindlichkeit noch nichts von der Sehnsucht, dem Schmerz und dem Drang, dem verführerischen aber so fatalen Zauber von Drogen aller Art nachzugeben, nur um das Gefühlschaos in Kopf und Herz zu bändigen, Von Zeit zu Zeit und immer mehr.

Jakob wusste damals nicht mal, dass Musik auch seine Art, sein Weg sein würde, sich mitzuteilen. Wusste nicht, dass selbst die Liebe zur Musik kein Garant für Seelenfrieden ist, wenn ganz tief in einem Krieg herrscht und einem die befreienden Worte längst im Hals stecken geblieben sind. Jakob wusste nur, dass er Musik machen wird. Und er hat sich diesen Traum erfüllt und ist mit ihm am Ende seiner kurzen Karriere in den Bühnengraben geknallt, bis obenhin zugedröhnt. Ist aufgewacht, bevor er vielleicht wie viele andere in irgendeinem Hotelzimmer jämmerlich verreckt wäre. Wortlos und tonnenweise Pillen intus.

Klar, es ist in Jakobs Kindheit und Jugend so einiges richtig arg abgelaufen, er hatte daran zu knacken, ohne es bewusst zu merken. Ohne zu merken, wie es in ihm schrie. Man lernt zu funktionieren, zu verdrängen und er war ein Meister des Verdrängens und Funktionierens. Und dumm genug, zu glauben, dass ihn das Musikmachen befriedigen, ihn befreien würde. Glaubte fest daran, das Musik seine ganz persönliche Droge ist, seine Möglichkeit, sich auszudrücken, seine tiefsten Gefühle mitzuteilen, dieser schmerzenden, wehmütigen Sehnsucht auf diese Weise Gehör zu verschaffen, andere zu erreichen und seine Seelenwunden zu teilen, sie einfach weg zu singen. Aber das ging gründlich daneben und hat Jakob im Nachhinein viele Jahre seines Lebens gekostet, und aus ihm einen Suchtmenschen gemacht, der bis heute aufpassen muss, wenn’s mal wieder in ihm schreit, nicht wieder dem falschen und gefährlichen Zauber zu erliegen.

Als Jakob es damals tatsächlich geschafft hatte, einen Plattenvertrag bei einer Major-Company zu bekommen, war er stolz wie Oskar. Hat alles erreicht, was er wollte. Die Option für zwei Alben und fünf Singles, seinen Wunschproduzenten, Musiker, die ihn begeisterten und Background-Sängerinnen, die schon bei anderen großen Künstlern mit Können und Stimme glänzten. Eigentlich wusste er gar nicht, wie ihm geschah. Das alles ist sehr teuer und aufwändig gewesen und schon damals waren die Plattenfirmen geizig und längst nicht mehr so experimentierfreudig, wenn es um Kohle ging. Das Geschäft ist hart und wer darin bestehen will, muss selbst eine gewisse Härte haben. Jakob hatte sie nicht. Hat sich während der Produktion dermaßen unter Druck gesetzt, sich unnötig und bis zur totalen Erschöpfung gestresst, weil er alles perfekt haben wollte. Das konnte nicht gut gehen. Er konnte nicht mehr schlafen, hetzte zwischen Studio, Live-Auftritten und PR-Verpflichtungen hin und her, aß kaum noch etwas und war ausgelaugt. Hatte bis zu dieser Zeit nie Drogen genommen, trank nicht mal Alkohol, wusste nicht, wie sich das anfühlt, einfach mal weggeballert blöde vor sich hin zu grinsen, sich fallen zu lassen und an nichts zu denken. Dazu war Jakob zu sehr Kontrollmensch. Niemand sollte mehr Macht über ihn haben, über ihn und sein Ich bestimmen dürfen.

Und dann ist es doch geschehen. Ein Freund, ein vermeintlicher Freund aus der Musikertruppe drückte ihm eines Tages ne Packung Valium und Schlaftabletten in die Hand und meinte, dass ihm die kleinen Helfer ganz sicher den ganzen Stress nehmen würden und Jakob dann auch wieder konzentriert mitarbeiten könnte. Er zögerte einige Tage und hat die bunten Dinger irgendwann nach einer langen Nacht im Studio doch ausprobiert. Schlafen, endlich mal schlafen.

Das war’s dann.

Innerhalb weniger Monate wurde Jakob hochgradig abhängig von dem Dreckszeug und hatte zum Teil jeden Tag bis zu zwanzig Pillen intus, ein stumpfsinniger Roboter, der vor sich hin vegetierte, den man ins Studio, zu wichtigen PR-Terminen oder Live-Auftritten schleppen musste, wenn er nicht gerade wieder verschwunden und nicht erreichbar war, er besinnungslos zugeknallt im Hotelzimmer lag, bepisst und vollgekotzt, weil er nichts mehr an sich halten konnte, im Pillenrausch. Jakobs Wunschproduzent hatte sich längst ausgeklinkt, die Platte wurde mehr und mehr zu einem Witz und hatte nichts mehr mit dem zu tun, wie es geplant war, wie er sich das vorgestellt hatte. Grottenschlecht aber sauteuer sollte sie dennoch veröffentlicht werden. Aber selbst das war ihm egal geworden. Jakob hatte sein Herz, die Liebe zur Musik längst verloren und ließ alles geschehen, Hauptsache, seine Pillendose war immer gut gefüllt. Seine viel versprechende aber kurze Karriere endete dann mit einem Schlag vor tausenden Zuschauern, die mit ansehen mussten, wie Jakob mit dem Mikrofonständer kopfüber in den Bühnengraben knallte und sich den Arm und fast den Hals brach. Aber selbst das hatte er nicht mehr bewusst mitbekommen.

All das ist jetzt schon so lange her und es hat Jahre gedauert, bis er wieder einigermaßen beieinander und clean war. Jakob weiß gar nicht mehr, wie oft er rückfällig geworden ist, weiß nicht mehr, wie viele Entzugskliniken er damals von innen gesehen hat, er weiß nur, dass die scheiß Pillen ihn fast sein Leben gekostet haben, dass es psychisch wie auch physisch schlimm und schmerzvoll war, durch diese Hölle zu gehen. Aber Jakob hat es geschafft. Seine Liebe, die Leidenschaft zur Musik ist auch wieder da und das schöner und intensiver, als je zuvor, auch, weil er sie nicht mehr als Dämpfer, als Möglichkeit, sich mitzuteilen betrachtet. Heute kann er reden, auch über die Dinge die für Jakobs ewige Sprachlosigkeit verantwortlich waren. Heute weiß er endlich, wie es sich anfühlt, wirklich und echt glücklich zu sein, mit allen grauen und blauen Tagen. Heute weiß Jakob, was Musik, was ihre Leichtigkeit wirklich bedeutet.

Träume zu leben.



Jakobs Song - Sea Of Time


Bildquelle: © Herr Beil

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13 Kommentare

  1. manu1608

    es ist gut zu lesen, daß Jakob den Weg aus der Hölle geschafft hat und gut - sehr gut, daß er weiß, wie es sich anfühlt glücklich zu sein!

    es gibt so viele andere, die den Weg aus solchen Höllen nicht schaffen…

  2. Fritzi

    Egal, was war. - Es WAR = Aus. Over. Vorbei!
    Das, was (noch machbar…) ist (… von jenen Träumen) - DAS zählt! Einzig und allein.
    Hey babe … den Löffel gibt man erst zurück, nachdem man verhungert ist - NIE vorher!! :mrgreen:

    Die Musik klingt gut. Gefällig, aber nicht seicht.
    Der Rhythmus stimmt. Die Stimme auch - wenn ich mir mit ihr auch irgendwann dann mal einen song wünschen würde, bei dem sie mehr “Röhre” beweist.
    Die Trompete ist gut, aber noch ein wenig ängstlich. Passt hier aber.

    Der werte Feinstaub hat neulich mal einen gar nicht lediglich Schwanz-gesteuerten Satz geschrieben (Oh Wunder!): “Karl-Heinz kann an einem Abend Dutzende von Komplimenten bekommen, aber eine kleine kritische Bemerkung macht all die Komplimente unwichtig, weil sie die lebenslänglichen Gefühle, er tauge nichts, er sei untüchtig und unerwünscht, hervortreten lässt.” … tja.
    “Abschminken”, kann ich da nur sagen - die Vergangenheit und all jene (egal aus welcher Kruste der Vergangenheit), die aus ihr nach einem “langen und hangeln und greifen”; die selbst nichts auf die Reihe brachten oder bringen, und alles Gute, Kreative, Neugierige um sich herum minimieren oder zerstörten.

    Sagen wir einfach mal “R.I.P.” … ohne dabei an “pchen mit Sauerkraut” zu denken.
    Dann wird alles guuhd.
    :lol:

  3. Herr Beil

    @Fritzi, die Trompete, die übrigens ein Saxophon ist, ist ganz bewusst so gespielt - der Song selbst ist von 1991 und der letzte, den Jakob aufgenommen hat, bevor er sich in den Bühnengraben verabschiedete - und seine “Röhre” klingt heute ganz anders, müsstest du im Raucherzimmer bei der Zusammenrottung zu später Stunde eigentlich auch gehört haben - es sei denn, es hatte dich da schon arg ramazottilt, zottelt?, hehehehee… :mrgreen:

  4. Fritzi

    Hatte durchaus gehört, dass die Stimme ne ganz andere war … hatte auch gehört, wie Besagter meinte “Siehste - es geht noch!” - selbst im Klimakterium dachte ich mir: “Sagste dazu nu ma nun nix …”
    :mrgreen:

  5. Herr Beil

    ….hahahahahahaaaaa, Saustück! :mrgreen:

  6. Fritzi

    Häxlein oder Schinkel???

  7. manu1608

    Fritzi - das klingt wirklich total gut, was Du da so sagst - was war war… und gut isset oder so…
    schick doch mal das Rezept rüber :wink:

  8. Fritzi

    Das Rezept beginnt mit L und hört mit E auf … unterstützt von A, endend mit N.
    (Blöde Kuh!) :lol:

  9. manu1608

    immer wieder gerne :smile:

  10. Fritzi

    Danke. Ebenso…
    :oops:

  11. Gummibroetchen

    den Song hab ich schon seit ein paar Jahren auf meiner festen Platte, zusammen mit “hey boy”, das mir eigentlich noch besser gefällt.
    Ich kann mir vorstellen, dass es einen doch ein bisschen traurig macht, wenn man sich erinnert, welche Hoffnungen man im Zusammenhang damit hatte. Aber es ist gut, wenn man es überwunden hat.

    Ich selbst bin immer noch etwas traurig, wenn ich meine alten englischen Texte lese - oder vertont höre, leider immer irgendwie nicht ganz in meinem Sinne vertont. Entweder gefällt mir die Musik nicht, oder die Sängerstimme könnte besser sein, oder der Sänger/die Sängerin spricht Wörter verkehrt aus, oder er/sie hat die Grammatik vergewaltigt, oder mehrere Faktoren kommen zusammen.

    Ich bin immer noch nicht sicher, ob ich nicht 2 oder 3 Texte, die ich besonders gut finde, in den Unisong-Contest schicke, diesmal nur als Texte!

    In dem Zusammenhang eine Frage: darf man auf Deiner Seite auch hin und wieder einen englischen Text einstellen?

    Liebe Grüße
    Ilse

  12. DoppelUe

    Schöner tieftrauriger Text :-( Schade, wenn große Träume zu Illusionen werden und durch Drogen platzen….

  13. Jeremias Mellenkamp

    Wie sehr tiefsitzend physische und psychische Verletzungen in der Kindheit sein können und für ein ganzes Leben prägend zeigt beeindruckend diese Geschichte von Jakob und seinen Träumen, die offenbar erst jetzt mit Musik zu tun haben. Trauriger Text mit einem Schlusssatz, der der Hoffnung und der Freude am Leben neuen Mut gibt. Gefällt mir sehr, wie du das transportiert hast! Und das Lied passt eins zu eins zu dem Schluss. Melodiös und leicht, gefällt!!

    Jeremias

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