Terror an der Wursttheke von Herr Beil
Ein Viertel hier von, zwei extra dünn geschnittene Scheibchen davon: gleich gibt’s noch’n Häppchen Karnickelfangschlag dazu.
Ich musste mich sputen.
Noch eine halbe Stunde bis Ladenschluss, im Kühlschrank gähnende Leere und wir hatten Freunde zum Essen eingeladen. Wieder mal äußerst vorrausschauend disponiert. Na wunderbar, der Tag war eh schon stressig und um etwas Warmes zu kochen hatte ich so spät keine Lust mehr. Also dachte ich an einen feinen Ruccolasalat mit etwas Tomate und Gurke. Dazu Ziegenkäse, Parmesan, Serranoschinken und Pinienkerne. Das Ganze abgerundet mit einem pikanten Balsamico Dressing. Prima. Nur schnell den Salat, die Ziegenrolle und den Schinken besorgen. Fix zubereitet und lecker. Basta.
Ich hüpfte mit fliegenden Rockschößen in den Lebensmittel-Markt unseres Vertrauens und grapschte freudig nach dem tatsächlich noch vorhandenen köstlichen Ruccola, denn zu dieser Zeit noch vernünftigen, frischen Salat zu bekommen ist reine Glückssache. Mit flinkem Schritt eilte ich zur Wursttheke um Käse und Schinken zu ergattern. Holla, nur zwei Leutchens vor mir, das wird sich flott erledigen, dachte ich und hielt Ausschau nach dem Serrano, als von rechts ein Einkaufswagen auf die Theke zukam. Am anderen Ende des Wagens hing eine kleine, alte Dame, die leicht humpelte, aber ansonsten noch recht fesch daher kam.
„Was darf es sein?“
Gerade wollte ich ihr, trotz Eile aber meiner guten Erziehung plus ebensolcher noch ausstehender Tat pro Tag bewusst, den Vortritt lassen, als mir das akkurat ondulierte Etwas zuvor kam. Mich mit herzerweichendem Blick am Ärmel zupfend und mit zittriger Stimme darum bittend, doch bitte vorgelassen zu werden, „da es hier heute gar nicht so gut ginge und sie auch nicht viel brauchte“, wartete sie meine Antwort gar nicht erst ab, tippelte um meine staunende Wenigkeit herum – und begann ihre Wünsche aufzusagen. Ob dieser kleinen Dreistigkeit kurz nach Luft schnappend, rutschte mir ein bereits überflüssiges „…aber natürlich, bitteschön“ über die Lippen und verfolgte noch staunender, was das alte Mädchen so gedachte, zu ordern:
„Eine Scheibe gekochten Schinken, zwei Scheiben Sülze, eine dünne Scheibe Kalbsleberwurst, 100 Gramm Zungenwurst, 50 Gramm Blutwurst, ein Viertel hier von, zwei extra dünn geschnittene Scheibchen davon“ Es wollte kein Ende nehmen und mich deuchte, die Gute hatte sich nicht nur den Vortritt erschlichen, nein, jetzt war sie auch noch im Begriff ihre gesamte Rente in Wurstwaren zu investieren. Gleich erwürg ich sie, schön langsam und drehe ihr zum krönenden Abschluss genüsslich den truthennigen Hals um. Auch langsam. Von wegen nur ein bisschen, sie fragte und überlegte, überlegte und fragte, wollte dies probieren und jenes frisch aufgeschnitten haben und dies in einem Tempo, welches meine boshaften Phantasien ungemein anspornte. Innerlich klöppelte ich gerade mein Hasskäppchen parat, denn das alte Frettchen war wirklich imstande und kauft die ganze Auslage auf. Scheibchenweise. Es war bereits zehn vor acht.
„Ein kleines Stückchen von der Gänseleberpastete, ein Töpfchen Fleischsalat, etwas von dem Roastbeef…“
Gleich, gleich kenne ich nix mehr und verpass ihr nen Karnickelfangschlag, was denkt sich diese gefräßige Hippe eigentlich?! So langsam auf meine gute Erziehung und Gelassenheit pfeifend, fixierte ich sie mit eiskaltem Blick und hoffte auf ein baldiges Ende. Ihres. Dieses freche Ding schien mir auf einmal überhaupt nicht mehr gebrechlich zu sein, denn zackig hin und her tippelnd orderte sie im Offizierston weiterhin von Diesem und Jenem. Gleich reiße ich ihr den ondulierten Silberlöckchenfiffi vom Schädel und tuppe sie mit Schmackes in den Pastetentopf. Ohne Fiffi. Unglaublich, da kann man heutzutage noch nicht mal mehr einer alten, schwachen Frau trauen. Ich war zutiefst empört und geneigt, von meinem Glauben an liebenswürdigen alten Omas abzusehen. Für immer.
„So, was darf ich ihnen denn Gutes tun?“
„…ich hätte wohl gerne mal kurz ihr Schlachtermesser!“
Verständnisvoll freundlich lächelte mich die dralle Wurstfachverkäuferin an, während ich nun endlich und auf den letzten Stipp die Ware meines Begehrens orderte – ohne nicht darauf zu verzichten, der behäbig zur Kasse wackelnden Wurstterroristin ein paar hier besser nicht zu wiederholende Flüche hinterher zu fluchen. Nun gut, einmal tief ein- und ausgeatmet war der Albtraum aller Berufstätigen zu Ende und in Gedanken schon den Ruccola waschend, reihte ich mich geschwind an der Kasse ein, als hinter mir ein wohlbekanntes, zittriges Stimmchen ein nicht minder wohlbekanntes „…entschuldigen sie junger Mann, würden sie mich vorlassen, mir geht es heute gar nicht gut?“ von sich gab.
„…aaaaaaaaahhhhhh!!!“
Mein kleiner aber gezielter Brüller verdatterte nicht nur die Umstehenden, nein, er musste auch heilende Kräfte gehabt haben, denn der ondulierte Fiffi nebst altem Mädchen machte elfengleich auf dem Absatz kehrt und wetzte flott wie dereinst Heide Rosendahl im Münchner Olympiastadion in Richtung äußerster Kasse von dannen – ohne Staffelstab, aber mit gefühlten 20 Kilo Wurstwaren allerlei Art. Ich sag’s ja, jeden Tag eine gute Tat.
… und manchmal dürfen es auch zwei sein.

Bildquelle: Herr Beil
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